Lesung aus dem Roman Mitgift und Gespräch über Literatur in queeren Kontexten – Ulrike Draesner und Nadyne Stritzke – 16.12.2013

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Ulrike Draesner und Nadyne Stritzke

„Ihr Körper unterhielt eine besonders gute Verbindung zu Verdrängtem“

Intersex als literarisches Thema.

Lesung aus dem Roman Mitgift und Gespräch über Literatur in queeren Kontexten

Im Mittelpunkt des Abends steht die Auseinandersetzung mit Intersex als literarischem Thema. Ausgangspunkt für die gemeinsame Diskussion bildet eine kurze Lesung aus Ulrike Draesners 2002 erschienenem Roman Mitgift, der die Geschichte der Familie Böhm erzählt, die mit der Andersartigkeit ihrer jüngsten Tochter Anita nicht umgehen kann. Anitas ‚ungewöhnlich‘ große Klitoris wird im Kleinkindalter in zahlreichen Operationen verkleinert und ihre Vagina in einem schmerzhaften Prozess vergrößert. Den Operationen folgen Hormonbehandlungen, so dass die erwachsene Anita in ihrem äußeren Erscheinungsbild nichts von ihrer intersex Geschlechtlichkeit vermuten lässt. Die Geburt ihres Sohnes Stefan scheint die ärztliche Entscheidung für das ‚weibliche‘ Geschlecht zu bestätigen. Die Handlung entfaltet sich als ein perfides, innerfamiliäres Wechselspiel zwischen schonungsloser Offenheit und langjähriger Verschwiegenheit; Anitas Intersex – ein tabuisiertes Familiengeheimnis, an dem insbesondere ihre drei Jahre ältere Schwester Aloe zu zerbrechen droht.

Ein Roman mit einem solchen thematischen Schwerpunkt wirft eine Reihe von grundlegenden Fragen über die Funktionen von Literatur in queeren Kontexten auf, denen sich die Schriftstellerin Ulrike Draesner und die Literaturwissenschaftlerin Nadyne Stritzke in einem Gespräch widmen werden: Welche gesellschaftspolitischen Funktionen kann ein literarischer Text erfüllen, der sich in ästhetischen Inszenierungen mit der Thematik Intersex auseinandersetzt? Welche Möglichkeiten und Grenzen eröffnet eine fiktionale Darstellung von diesem Thema? Warum wählt ein_e Schriftsteller_in einen solchen Schwerpunkt? Wie wurde und wird diese literarische Inszenierung von Intersex rezipiert? Welche kulturellen Sinnstiftungsfunktionen lassen sich identifizieren? Welche Bedeutungen mag die Produktion und Rezeption von diesem Roman für queerpolitische Zusammenhänge haben? Die 2012 veröffentlichte Stellungnahme des Deutschen Ethikrats zur Situation von intersex Menschen zeigt, dass sich seit dem Erscheinungsjahr des Romans die Auseinandersetzung mit Intersex in Deutschland verändert hat. Wie beurteilt eine Schriftstellerin ihr eigenes Schaffen im Kontext dieser sozio-kulturellen und gesellschaftspolitischen Veränderungen?

Ulrike Draesner hat in München und Oxford Anglistik, Germanistik und Philosophie studiert und mit einer Doktorarbeit zu Wolframs von Eschenbach Parzival promoviert. Um sich ganz dem ästhetischen Schreiben widmen zu können, kündigte sie 1992 ihre Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin und arbeitet seither als Dichterin, Prosaautorin und Essayistin. Darüber hinaus übersetzt sie aus dem Englischen, unterrichtet kreatives Schreiben und hält Poetikvorlesungen. Ihre Werke wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Sie lebt heute in Berlin.

Nadyne Stritzke ist akademische Rätin am Institut für Anglistik der Justus-Liebig-Universität Gießen. Sie hat Germanistik und Anglistik in Mannheim und Sydney studiert und an der JLU mit einer geschlechtertheorerischen Doktorarbeit promoviert. Seit 2003 ist sie Dozentin im Bereich der anglistischen Literatur- und Kulturwissenschaften. Ihr Forschungs- und Lehrschwerpunkte liegen im Bereich der Gender und LGBT*IQA-Studies.